Zu den bekanntesten Sagengestalten unserer Heimat zählen die Holzfräulein, auch Holzweiblein, Buschweiblein oder auch Moorfräulein genannt. Sie sind weibliche, dem Menschen gut gesinnte Geister. Ihre äußere Erscheinung ist den Menschen ähnlich, aber sie sind viel kleiner, worin sie den Zwergen gleichen. Sie leben in Familien, können Kinder bekommen und sind sterblich. Ihre Kleidung ist meist einfach, meistens weiß und in der Regel aus Leinen. Gelegentlich haben sie auch Kleider aus selbst gesponnenem Moos, sie können aber auch unbekleidet sein.
Ihr normaler Aufenthalt ist der Wald, wo sie Unterstände oder Moosbetten meist unter Baumwurzeln oder in hohlen Bäumen besitzen. Sie haben aber auch einen Drang nach dem Umgang mit Menschen und halten sich oft lange in den Wohnungen der Menschen auf, wo sie sich in freiwillige Dienstbarkeit begeben. Sie verrichten die Arbeiten im Haus und Stall hurtiger, sauberer und ergiebiger, als der Mensch es vermöchte. Sie erwarten auch keinen Lohn, da ihnen selbst reiche Schätze zu Gebote stehen. Würde man ihnen Lohn anbieten oder sonst ein Entgelt für ihre Arbeiten, halten sie den Dienst für gekündigt und ziehen trauernd ab. Dagegen rechnen sie für ihre Arbeit auf Verabreichung der Kost, wobei ihre Ansprüche sehr bescheiden sind: Der Dampf der siedenden Mehl- oder Fruchtspeise, das Übergelaufene, das Verschüttete, überhaupt Speiseabfälle sind ihr Teil. Semmel und Milch gilt ihnen als leckeres Gericht. Mit Beharrlichkeit aber vermeiden sie den Fleischgenuss, vor allem von warmblütigen Tieren. Das hängt wohl mit ihrer milden Gemütsart zusammen.
Diese harmlosen Geister lieben vor allem den Frieden. Streit im Haus ist ihnen zuwider, so dass sie abziehen. Ebenso vertreibt sie Fluchen, Schimpfen und liederliches Reden. Auch verlassen sie die Menschen, die ihnen Streiche spielen oder sie verspotten. Mit ihrem Auszug weicht auch das Glück vom Haus. Holzfräulein können auch zukünftige Ereignisse vorhersehen und sie erweisen sich als heilkundig und als Glücksbringer. Für die Holzfräulein, die im Wald leben, wurde früher bei der Ernte ein Flachs- oder Getreidebündel auf dem Feld zurückgelassen. Ihr größter Feind ist der wilde Jäger oder Holzhetzer, der sie oft zu nächtlicher Stunde durch den Wald hetzt. Sie sind nur dann vor ihm sicher, wenn sie einen Baumstock finden, in den der Holzhauer ein Kreuz eingeschnitten hat, oder wenn sie sich auf den Stumpf eines Baumes setzen, bei dessen Fällen der Holzhauer einen frommen Spruch oder ein kurzes Gebet gesprochen hat. Dann muss sie der wilde Jäger in Ruhe lassen.
Es gibt zahlreiche Sagen von den Holzfräulein. Einige Beispiele seien angeführt.
Das Geschenk des Holzfräuleins
Einmal wanderten zwei junge Burschen durch den Grenzwald. Als es Nacht wurde, zündeten sie ein Feuer an und kochten sich eine Suppe, in die sie trockenes Brot einbrockten. Plötzlich raschelte es im Gebüsch. Da trat ein Holzfräulein oder Waldweiblein an das Feuer. Es hatte ein grünes Gesicht und ein Kleid aus Laub an. Lange grüne Haare hingen von seinem Kopf. Das Weiblein bat die Burschen, sich am Feuer wärmen zu dürfen. Freundlich erlaubten es die Männer und gaben ihm auch etwas Suppe und Brot. Als das Holzfräulein gegessen und getrunken hatte, sagte es: „Ihr habt mich gewärmt, ihr habt mich gestärkt, jetzt will ich euch zum Abschied etwas schenken.“ Sie gab jedem der beiden ein Büschel Laub. Dann raschelte es wieder im Gebüsch, und das Weiblein war verschwunden. Der eine der beiden Burschen hatte das Laub gutmütig lachend in die Tasche gesteckt, der Andere aber warf es in das Feuer, das sofort seltsam rot glühte. Am anderen Morgen, als sie aufbrechen wollten, war die Rocktasche, die mit Laub gefüllt worden war, sehr schwer. Der Bursche öffnete die Tasche, da war sie gefüllt mit lauter Goldstücken. Das Laub des Holzfräuleins hatte sich in Gold verwandelt. Der andere fand nur noch ein Goldstück in der Tasche, weil sich nur ein kleines Blatt im Futter verfangen hatte. Er stocherte noch lange in der Asche herum, konnte aber kein Gold mehr entdecken. Sein Kamerad aber teilte mit ihm das Geschenk des Waldweibleins. Dann zogen beide weiter.
Drei Laiblein Brot
Ein Bauer von Rehberg ackerte einmal früh schon vor Sonnenaufgang auf dem Feld. Da sah er, wie im nahen Wald, wo das Holzfräulein hauste, ein Rauchwölkchen aufstieg. Würziger Brotduft strich über die Flur. „Back halt für mich und meine Knechte auch ein Laiblein mit!“, rief er in den Wald hinein und ackerte frisch weiter. Plötzlich sah er auf einem Holzstock ein weißes Tüchlein und darauf lag das frische Laiblein Brot. Der Bauer nahm den Hut ab, ging darauf zu und aß ein Laiblein. Dann griff er nach dem anderen und überlegte, ob er es auch noch brechen und verzehren sollte. Da schauten ihm seine zwei Ochsen über die Schultern. Er verstand, was sie wollten und gab jedem seinen Teil. Das brachte ihm Segen und im Herbst eine reiche Ernte.
Der Fluch des Holzfräuleins (aus Oberbernrieth)
Ein Holzfräulein saß einst auf einem Stock und ließ etwas zurück, als Menschen herankamen. Einer nahm dieses mit. Das Holzfräulein bat sehr, man möge es nicht berauben. Und als es nichts half, drohte es dem Räuber, er sollte nie mehr Husten und Strauchen (=Schnupfen) haben. Das war aber dem Mann umso lieber, denn er litt immer daran. Doch nicht lange, so wurde er todkrank. Da ließ er dem Holzweiblein seine Sachen zurückstellen. Die Krankheit wich, und Husten und Strauchen stellten sich wieder ein.